Grundbedürfnisse

 

Nach systemisch/ konstruktivistischer Auffassung ist Erleben Ergebnis von Aufmerksamkeitsfokussierug (und alles menschliche Verhalten Ausdruck dieses Erlebens). Erleben ist demnach nicht, sondern entsteht - durch die Verknüpfung von Aufmerksamkeitsfokussierungen (willkürlich und unwillkürlich) mit Sinngebungen (bewußt und unbewußt) - durch ein Subjekt der Erfahrung.

 

Die Konzepte und Forschungsarbeiten von Klaus Grawe, Friedemann Schulz von Thun und Marshall B. Rosenberg sehen die Grundbedürfnisse des Menschen als die eigentlich treibende Kraft zur Fokussierung unserer Aufmerksamkeit. Der Mensch strebe nach Erfüllung und Schutz seiner Grundbedürfnisse. Eine allgemeingültige Definition von Grundbedürfnissen oder ein allgemeines Verständnis darüber, welche Bedürfnisse hierzu zählen, besteht jedoch nicht.

 

Nach dem neuro-psychotherapeutisch begründeten Konsistenzmodell des Psychotherapieforschers Klaus Grawe sind wir Menschen auf sogenannte motivationale Ziele fixiert, die auf folgenden Grundbedürfnissen beruhen: Selbstwertschutz und Selbstwerterhöhung, Lustgewinn und Unlustvermeidung, Orientierung und Kontrolle sowie Bindung. Mit Bindung sind hier vor allem sich gegenseitig bestätigende Beziehungen gemeint. Diese vier Grundbedürfnisse ergänzen sich, sind jedoch voneinander unabhängig und auch untereinander gleichwertig. Aus diesen entspringen, unter dem Einfluß konkreter Lebensbedingungen, der Erfüllung dienende, motivationale Annäherungsziele und dem Schutz dienende, motivationale Vermeidungsziele. (Typische Beispiele für motivationale Annäherungsziele sind Status, Familie, Erfolg, Macht, Kompetenz, Ehre, Ruhm, Attraktivität und Hingabe. Typische Beispiele für motivationale Vermeidungsziele sind Demütigung, Schmerz, Verlust, Überforderung, Schuld, Scham, Einsamkeit, Tabus und solche Ziele, die mit den Annäherungszielen nicht vereinbar erscheinen.) Motivationale Ziele stellen auch den Kontext für weitere Ziele dar.

 

Motivationale Ziele haben für uns Priorität, weil sie Strategien darstellen, Angewohnheiten sind, die Grundbedürfnisse zu schützen bzw. zu erfüllen. Wir setzen unsere motivationalen Ziele gewissermaßen mit den Grundbedürfnissen emotional gleich. Man könnte sie, in Anlehnung an Schulz von Thun oder Rosenberg, auch als die Motivation für unseren Kommunikationsstil bezeichnen.

 

Grawe benutzt in seinem Modell folgende drei Begriffspaare: Konsistenz & Inkonsistenz, Konkordanz & Diskordanz sowie Kongruenz & Inkongruenz. Konsistenz ist ein Oberbegriff für Konkordanz und Kongruenz, Inkonsistenz für Diskordanz und Inkongruenz. Nach Grawe fühlt ein Mensch sich wohl, wenn er Konsistenz erlebt. Wenn mehrere gleichzeitig aktivierte Grundbedürfnisse einer Person miteinander übereinstimmen (Konkordanz) und wenn die Person ihre motivationalen Ziele, wie erhofft oder zumindest adäquat, realisieren kann (Kongruenz), erlebt man nach Grawe Konsistenz. Wenn eine Person hingegen einen Konflikt zwischen mehreren gleichzeitig aktivierten Grundbedürfnissen in sich trägt (Diskordanz) oder wenn die Person ihre motivationalen Ziele, nicht wie erhofft oder zumindest adäquat, realisieren kann (Inkongruenz), erlebt man nach Grawe Inkonsistenz. Das zentrale Prinzip des psychischen Funktionierens sei das Streben nach Konsistenz (Konkordanz & Kongruenz) sowie die Reduktion von Inkonsistenz (Diskordanz & Inkongruenz). Wer würde auch vermuten, daß ein Mensch sich wohl fühlt, wenn er sich entweder innerlich zerrissen fühlt (Diskordanz) oder wenn er gewisse Sehnsüchte nicht realisieren kann (Inkongruenz). Mit Diskordanz ist ein Innen/ Innen Konflikt gemeint, während Inkongruenz einen Innen/ Außen Konflikt bezeichnet. Konkordanz bedeutet, die Bedürfnisse sind eindeutig und im Gleichgewicht, und Kongruenz, die motivationalen Ziele können realisiert werden und erweisen sich auch als zieldienlich hinsichtlich der Grundbedürfnisse..

 

 

 

Inkonsistenz meint die Nichtvereinbarkeit gleichzeitig aktivierter psychischer bzw. neuronaler Prozesse. Inkonsistenz führt nach Grawe zu einem neurologischen Spannungszustand. Die Überwindung des Inkonsistenzkonfliktes zu Spannungsreduktion. Diese sei von einer erhöhten Dopaminausschüttung im Gehirn begleitet. Dies wiederum führe zu einem Neuwachstum von synaptischen Verbindungen zwischen den Neuronen im Gehirn - zu dem, was Grawe neurologisch unter Lernen versteht. Symptome entstünden demnach durch Konditionierung. Weil das Symptom die Spannung reduziert, wird der Prozess verstärkt und fahre sich fest. Kann Inkonsistenzspannung über einen längeren Zeitraum nicht reduziert werden, führt das nach Grawe zu Krankheit.

 

Geht man über Grawe hinaus, daß auch ein System nach Konsistenz (Homöostase) strebt, so kommt man zu der systemischen Betrachtungsweise der Mailänder Schule, daß Inkonsistenzspannung und Spannungsreduktion nicht unbedingt bei der selben Person im System auftreten müssen. Ein Symptom wird nach dieser Auffassung nicht mehr als Eigenschaft einer Einzelperson angesehen, sondern als Eigenschaft eines Kommunikationssystems, die sich in einer einzelnen Person besonders leidvoll manifestiert. Dazu ein Beispiel: Im System ABC stabilisiert das Symptom von Person A, in Situation X, die Beziehung von B zu C.

 

Die Hirnforschung Klaus Grawes untermauert auch eindrucksvoll die lösungsfokussierte Denkweise: Annäherung und Vermeidung sind nicht bipolar, sondern aktivieren im Gehirn unterschiedliche und voneinander unabhängige neuronale Schaltkreise.


Annäherungsziele und Vermeidungsziele sind Ausdruck von Bedürfnissen. Um Ziele wiederum erreichen zu können, sind sowohl Ressourcen (Mittel) als auch Strategien (Wege, Reihenfolgen) erforderlich. Da nach Grawe die Grundbedürfnisse voneinander unabhängig sind, können etwaige Blockaden und Konflikte nur auf der Ebene der motivationalen Schemata liegen. In dem Zusammenspiel von Bedürfnissen, Zielen, Ressourcen und Strategien ist auch ein Grundgedanke von Marshall Rosenberg sehr hilfreich: Die Auswahl der Ressourcen und das angestrebte Ziel sind bereits Teil der Strategie, das Bedürfnis zu erfüllen.

 

 

Motivationale Schemata entstehen demnach durch die Verknüpfung von Bedürfmissen, Zielen, Ressourcen und Strategien zu inneren Ordnungszuständen: zu Systemen. Zur Abbildung von Systemen wiederum sind die Systemischen Strukturaufstellungen entwickelt worden. Einige Formate der SySt drängen sich förmlich zur Abbildung von Konsistenz und Inkonsistenz auf: Die sogenannte Problemaufstellung, wenn Inkongruenzen im Vordergrund stehen, die sogenannte Tetralemmaaufstellung, wenn den Klienten Diskordanzen quälen, die sogenannte Körperstrukturaufstellung, wenn Symptome, Behandlungsmethoden oder physische Schmerzen im Vordergrund stehen, und die lösungsfokussierten Formate sind insbesondere zur Exploration neuer motivationaler Schemata geeignet. Der Vorteil von Strukturaufstellungen ist, daß die Aufstellung sowohl Elemente aus psychischen, physischen, als auch aus sozialen Systemen beinhalten kann.


Nach dem amerikanischen Motivationsforscher Steven Reiss (Prof. Dr. für Psychologie und Psychiatrie an der State Universität in Ohio) liegen den menschlichen Verhaltensweisen 16 Lebensmotive zugrunde. Nach einer im Jahr 2000 veröffentlichten und gänzlich neuen Untersuchung - mittels Befragung von 6000 Männern und Frauen aus den USA, Kanada und Japan - entwickelte er ebenfalls eine nicht hierarchische Ordnung der Grundmotive des Menschen. Diese seien von Peron zu Person unterschiedlich. Meines Erachtens könnte man diese Motive deshalb eher als motivationale Schemata oder Metaprogramme bezeichnen. Steven Reiss geht es auch weniger darum, ob alle Menschen diese Motive tatsächlich teilen, sondern darum, wie sehr sie sich darin unterscheiden (Unterschiedliche Ausprägung von Lebensmotiven als Ursache für Konflikte).